Kälberresilienz: Die Bedeutung von Hygienemaßnahmen erläutert Prof. Dr. Boelhauve

15 Mar 2019

Die Wahrnehmung zu den Auswirkungen einer unzureichenden Kälberaufzucht wird in der landwirtschaftlichen Praxis vorrangig an den Kälberverlusten festgestellt – diese hauptsächliche Betrachtung der Totalausfälle verdeckt hingegen die nähere Betrachtung der überlebenden Kälber. Diese können durch unzureichende Rahmenbedingungen (z.B. Haltungs- und Versorgungsmängel) ebenfalls negativ für das weitere Leben beeinträchtigt werden. Sichtbar sind diese früh im Leben der Kälber gesetzten Auswirkungen nur indirekt zu späteren Lebenszeitpunkten, wie z.B. dem Erstkalbealter.

Die positive Auswirkung einer guten Kälberversorgung in den ersten Lebenswochen, insbesondere in den ersten Lebenstagen, wird bis heute nur eingeschränkt berücksichtigt. In diversen Ratgebern und Praxisempfehlungen befinden sich seit Jahren eindeutige Hinweise zur Erstversorgung von Kälbern. So ist auch den meisten Tierhaltern z.B. die zu vertränkende Mindestmenge Kolostralmilch, der zeitliche Maximalabstand zwischen Geburt und Erstversorgung oder der Gehalt an Immunglobulinen bekannt und wird auch in der Praxis umgesetzt.

Leider befinden sich in diesen Empfehlungen für die landwirtschaftliche Nutztierpraxis kaum Hinweise auf die hygienische Beschaffung der Kolostralmilch, die an höchst infektionsempfängliche neugeborene Tiere vertränkt wird. So kann zwar eine nahezu keimfreie Kolostralmilch aus dem Muttertier ermolken werden, diese Anfangsqualität verändert sich über die weiteren Passagen, wie z.B. Milchkanne, Transporteimer/-gefäß oder Tränkeeimer zum Teil massiv. In Folge erhält das Kalb eine hygienische unzureichende Kolostralmilch vertränkt, obwohl nach bestmöglichen Gewissen und Empfehlungen seitens der kälberbetreuenden Personen gehandelt wurde. In der Spitze kann die Kolostralmilch binnen weniger Minuten über ungereinigte Zwischenstationen einen Gehalt an Darmbakterien im Millionenbereich annehmen und ist zur Vertränkung absolut untauglich.

Äußerlich ist diese Keimbelastung der Kolostralmilch nicht anzusehen. Zudem existieren bis heute keine Schnelltestverfahren, um die hygienische Qualität z.B. zum Zeitpunkt des Vertränkens zu überprüfen. Umso mehr sollten Präventionsmaßnahmen in den Vordergrund gerückt werden, die regelmäßig in der landwirtschaftlichen Praxis angewendet werden sollten, um die negative Beeinträchtigung der Kolostralmilch auf ein geringstmögliches Niveau zu halten. Hinzu zählt z.B. die konsequente Reinigung aller Gefäße, in denen sich zuvor Milch befunden hat. Ein Abtrocknen der Gefäße verringert den Keimgehalt zusätzlich.

In Praxiserhebungen, die seit Jahren an der FH Südwestfalen durchgeführt werden, zeigt sich deutlich, dass über den Weg einer sehr guten hygienischen Kolostralmilchqualität nicht nur die Kälberverlustrate unter drei Prozent sinkt, sondern die bestmöglich versorgten Tiere bereits in den ersten Lebenstagen sehr hohe Tageszunahmen zulassen, die sich nur durch in jeglicher Hinsicht bestmögliche Rahmenbedingungen erzielen lassen. Außerdem sind optimal versorgte neugeborene Kälber die gesundheitlich stabilsten Milchkühe von morgen. Diese zusätzliche Zeit für die Reinigungsarbeiten ist somit eine sehr lohnende Investition und rechnet sich für jeden Milchviehhalter nicht nur aus tiergesundheitlicher, sondern auch aus ökonomischer Sicht.

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