Prof. Dr. Heuwieser erläutert Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Kälbern

25 Jan 2019

Zahlreiche Faktoren bestimmen die Gesundheit und das Wachstum der neugeborenen Kälber. Für den Milcherzeuger und Tierarzt gibt es einige wesentliche Ansatzpunkte um eine hohe Kälbergesundheit zu erreichen: Das Management der trockenstehenden Kühe, die Versorgung mit Kolostrum und die Motivation des Betriebspersonals. Bei Problemen mit der Gesundheit der Kälber sind oft mehrere Bereiche betroffen oder beeinflussen sich wechselseitig.

Bereits in der Trockenstehphase wird der Grundstein für eine gute Widerstandskraft der Kälber gelegt. Ein gutes Beispiel dafür ist Hitzestress in der Trockenstehphase. Die Kälber von Kühen mit Hitzestress in der Trockenstehphase haben ein geringeres Geburtsgewicht und ein schwächeres Immunsystem als Kälber von Kühen, die keinem Hitzestress ausgesetzt waren oder gekühlt wurden (Monteiro et al., 2014; Strong et al., 2015). Hochinteressant ist, dass der Hitzestress der Mütter die Kälber bis weit in die erste Laktation beeinflusst. So benötigten die Kälber von Müttern mit Hitzestress mehr Besamungen um tragend zu werden. Zudem war ihre Milchleistung niedriger als in der Kontrollgruppe (26,8±1,7 vs. 31,9 ±1,7 kg/Tag). Auch erreichten nur 65,9 Prozent der Kälber von Kühen mit Hitzestress ihre erste Laktation im Vergleich zu 85,4 Prozent der Kälber von Kühen ohne Hitzestress.

Es ist eine Binsenweisheit, dass eine zeit- und sachgerechte Geburtshilfe einen guten Start ins Kälberleben darstellt. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Schwergeburten zu mehr Todesfällen (Mortalität) und Erkrankungen (Morbidität) führen. Relativ einfache Maßnahmen haben ein großes Potential, die Mortalität und Morbidität deutlich zu senken. Schulungen, systematische Verfahren und konsequente Geburtsüberwachung haben hier erste Priorität (Lombard et al., 2007).

Auch beim Kolostrummanagement haben wir kein Erkenntnisproblem. Fünf Schlüsselfaktoren sind bekannt, mit denen Milcherzeuger und Tierärzte eine gute Kolostrumversorgung sicherstellen können:

  1. Hohe Qualität: mehr als 50 g IgG pro Liter.
  2. Ausreichende Menge: Mindestens 3,5 Liter.
  3. Schnelle Verabreichung: Innerhalb von 4 Stunden.
  4. Saubere Gewinnung: Durchgehende Hygiene vom Melken bis zum Tränken.
  5. Regelmäßiges Monitoring: Messen der Antikörper im Kolostrum und Blut der Kälber.

Vermutlich mangelt es auf einigen Betrieben jedoch an Kenntnissen, Fähigkeiten oder der Motivation der Mitarbeiter für eine konsequente und einheitliche Umsetzung der Maßnahmen. Dies gilt übrigens nicht nur für Betriebe mit Fremdarbeitskräften sondern auch für Familienbetriebe. Hier können wir mit Protokollen („Was soll ich tun?) und standardisierten Verfahrensanweisungen (Wie soll ich es tun?) ansetzen.

Eine von der Tierklinik für Fortpflanzung angebotene Schulung bestehend aus drei eLearning-Kursen zum Thema Kälbergesundheit zeigte überraschende Ergebnisse.

Etwa 50 Prozent der eingeladenen Personen arbeitete die drei Kurse durch. Nahezu alle Teilnehmer griffen auf die SOP zu. Die Teilnehmer waren hochgradig engagiert: Sie arbeiteten die Kurse meist in Ihrer Freizeit durch (59 Prozent), unterschätzten die im Kurs verbrachte Zeit deutlich und nutzen die Möglichkeit für Kommentare und Fragen. Die überwiegenden Teilnehmer fühlten sich nach den Kursen sicherer und waren davon überzeugt, genauer zu arbeiten. Diese Beobachtungen zeigen, wie wichtig die Kenntnisse und die Einstellung der Mitarbeiter bei der Umsetzung sind.

Literaturliste

Lombard, J. E., F. B. Garry, S. M. Tomlinson, and L. P. Garber. 2007. Impacts of dystocia on health and survival of dairy calves. J. Dairy Sci. 90:1751-1760.
Monteiro, A. P. A., S. Tao, I. M. Thompson, and G. E. Dahl. 2014. Effect of heat stress during late gestation on immune function and growth performance of calves: Isolation of altered colostral and calf factors. J. Dairy Sci. 97:6426–6439.

Monteiro, A. P. A., S. Tao, I. M. Thompson, and G. E. Dahl. 2016. In utero heat stress decreases calf survival and performance through the first lactation. J. Dairy Sci. 99:8443–8450.

Strong, R. A. Strong, E. B. Silva, H. W. Cheng, and S. D. Eicher. 2015. Acute brief heat stress in late gestation alters neonatal calf innate immune functions. J. Dairy Sci. 98:7771–7783.

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